BlackRock ist der weltweit größte Vermögensverwalter – doch wie groß ist sein Einfluss wirklich? Buchautor Werner Rügemer erklärt, warum BlackRock eine „heimliche Weltmacht“ ist, wie er von geopolitischen Krisen profitiert und welche Rolle Friedrich Merz in dem Konzern gespielt hat.
Ihr neues Buch heißt „BlackRock Germany“ -Worum geht es darin?
Es geht um die Zerstörung der Demokratie durch den immer extremeren privaten Reichtum in den Händen einer winzigen Minderheit und die damit verursachte Verarmung der Bevölkerungsmehrheit im US-geführten Kapitalismus, in den USA vorneweg - aber diese Amerikanisierung greift seit zwei Jahrzehnten auch in Europa. Und BlackRock ist dabei der führende Organisator. Im Buch stelle ich dar, wie dies in Deutschland aussieht, einschließlich der globalen Steuerflucht der Superreichen.
Wo in der Welt ist BlackRock vertreten? Und welche Kunden betreut das Unternehmen?
BlackRock ist der größte dieser neuen Kapitalorganisatoren, die mit den De-Regulierungen der 1990er Jahre in den USA unter Präsident William Clinton schrittweise groß geworden sind. Vanguard, State Street, Capital Group, Fidelity, Wellington sind die nächstgrößten. Sie haben die Banken der Wall Street abgelöst: Sie sind nun, in wechselnder Zusammensetzung, nicht nur die führenden Aktionäre dieser Banken, sondern auch der mehreren tausend der größten Unternehmen in den USA, in allen wichtigen Branchen: Rüstung, Energie, Fracking, Pharma, Chemie, Agrobusiness, Auto, Medien, Unterhaltung und natürlich der heute weitaus wertvollsten Konzerne, also der Digitalindustrie mit Amazon, Apple, Google, Microsoft, Facebook, Nvidia, Palantir. In zweiter und dritter Linie sind auch kleinere dieser deregulierten Finanzakteure aktiv, Hedgefonds und Private Equity Fonds („Heuschrecken“), auf die gehe ich hier aber nicht ein. Mit den Finanzkrisen der 2000er Jahre sind BlackRock & Co. noch größer geworden, auch in der EU – sie hatten nämlich gar keine Krise, sondern viel Geld. Das bekommen sie von den Superreichen dieser Welt. Diese haben ihren Sitz vor allem in den USA. BlackRock hat insgesamt 70 Filialen, davon sind allein 21 in den USA, in den Städten mit den meisten Superreichen, also in Palo Alto/Silicon Valley, New York, Boston, Chicago, Seattle, Houston, Miami und so weiter. Dann kommen die Staaten mit drei Filialen: Indien und Australien. Dann folgen mit je zwei Filialen die armen reichen Staaten Europas, also Frankreich, England, Deutschland, Luxemburg und die Schweiz. Je eine Filiale unterhält BlackRock etwa in Tel Aviv, Rom und Madrid, in Taiwan, Saudi-Arabien und Ungarn. In ganz Lateinamerika sind es drei Filialen, in ganz Afrika nur eine. BlackRock ist ganz auf die Superreichen konzentriert, macht für sie wealth management, Reichtums-Management, also Vermehrung des Reichtums derer, die sowieso schon besonders reich sind. BlackRock hat keine Bankschalter, hat keinen Publikumsverkehr, führt keine Gehalts-, Vermögens- und Rentenkonten für Normalbürger. Nirgendwo in Deutschland ist der Schriftzug „BlackRock“ auf einer Hausfassade zu sehen. Niemand hat soviel Aktien an den über 100 größten Unternehmen in Deutschland wie BlackRock, aber BlackRock verwaltet diese 270 Mrd. Euro für seine Kunden, braucht dafür aber nur 170 Mitarbeiter – die Deutsche Bank verwaltet eher weniger, braucht dafür aber 35.000 Mitarbeiter!
Wie kommt es, dass BlackRock eine so herausragende Rolle im globalen Finanzsystem einnehmen konnte?
Wie gesagt, BlackRock & Co. wurden durch die De-Regulierungen der 1990er Jahre groß. 2008 beauftragte die Obama-Regierung BlackRock, die Finanzkrise abzuwickeln: Welche Bank, welche Versicherung und welche betroffenen Industriekonzerne werden gerettet, welche nicht? Zu welchen Konditionen? BlackRock wurde damit zum größten Insider der westlichen Finanz- und Wirtschaftswelt, wurde Berater der US-Zentralbank, auch der Europäischen Zentralbank und trat damit seinen endgültigen, auch transatlantischen Expansionskurs an. BlackRock &Co. sind in den G7-Staaten, bei der Weltbank, auch in der EU immer noch nicht reguliert. Sie stehen aufgrund ihrer Lobby seit einem Beschluss der G7 seit 2009 immer noch „unter Beobachtung“, unauffällig beim Financial Stability Board (FSB) der Bank for International Settlements (BIS) in Basel/Schweiz. Sie gelten offiziell als Schattenbanken (shadow banks). Sie können deshalb höhere Gewinne herausholen als die traditionellen, regulierten Banken und Vermögensverwalter.
BlackRock nutzt in vielen Ländern Briefkastenfirmen. Welche Auswirkungen hat das auf die Steuerlast und die finanzielle Gerechtigkeit in Deutschland?
Wenn ein Aktionär in einem Unternehmen des DAX, des MDAX, des TecDAX und so weiter mehr als 3 Prozent der Aktien hält, muss er das dem Unternehmen und der Finanzaufsicht bekannt geben. Das sind die sogenannten Stimmrechts-Mitteilungen aufgrund des Wertpapier-Handelsgesetzes. Im Buch haben wir einen QR-Code abgedruckt – damit mache ich alle Stimmrechts-Mitteilungen von BlackRock bei Adidas, Allianz, Deutsche Telekom, BMW, RWE, BASF, Siemens, Deutsche Bank, Vonovia, Deutsche Wohnen, Zalando und so weiter sichtbar. Und da können wir sehen: BlackRock verteilt zum Beispiel seine 7 Prozent der Aktien im Versicherungskonzern Allianz auf vier Dutzend Tochterfirmen. Sie heißen etwa BlackRock Cayman West Bay IV Limited, BlackRock Jersey International Holdings L.P., BlackRock Luxembourg Holdco S.a.r.l., BlackRock Delaware Holdings Inc., BlackRock Singapore Holdco Pte. Ltd. undsoweiter. Sie sind auf das Dutzend der führenden Finanzoasen des US-geführten Kapitalismus verteilt. In diesen BlackRock-Tochterfirmen ist das Kapital der superreichen Kapitalgeber, deren Fonds usw. versteckt. Sie erhalten zwar über BlackRock die Gewinne – bei der Allianz im Jahre 2023 waren das 370 Millionen Euro. BlackRock spielt den formellen Aktionär, ist aber in Wirklichkeit nur eine Art Stellvertreter, Geschäftsführer und leitet die Gewinne an die eigentlich Berechtigten, die Kapitalgeber, also die eigentlichen Aktionäre weiter, unter Abzug einer Verwaltungsgebühr. Damit werden aber die eigentlichen Aktionäre anonymisiert, unsichtbar, namen- und gesichtslos gemacht – nicht nur gegenüber den Beschäftigten des Unternehmens, auch dem Vorstand und der Öffentlichkeit gegenüber, sondern auch gegenüber der Finanzaufsicht und den Finanzämtern. Daraus geht aber auch nicht hervor, wieviel die jeweiligen Kapitalgeber investiert haben. Es geht vor allem auch nicht hervor, wo diese Kapitalgeber ihren Wohn- und Steuersitz haben, ob sie US-Amerikaner oder Deutsche oder Inder oder Saudis sind, können wir auch nicht sagen, welchen Steuereffekt das für den deutschen Staat oder für irgendeinen anderen Staat hat.
Welche Funktionen hatte der Kanzlerkandidat Friedrich Merz in der Vergangenheit bei BlackRock?
Er war von 2016 bis 2020 BlackRock-Funktionär. Er war Vorsitzender des Aufsichtsrats der BlackRock Asset Management Deutschland AG. Er hatte die Aufgabe, die Expansion von BlackRock in Deutschland politisch abzusichern. Er hat seinen damaligen Chef Laurence Fink, CEO von BlackRock, z.B. zu Treffen mit den deutschen Finanzministern der Regierung von Angela Merkel begleitet, also zu Wolfgang Schäuble/CDU und Olf Scholz/SPD, hat Treffen mit dem Chef des Kanzleramts Helge Braun/CDU organisiert und so weiter. Diese Treffen waren geheim, Themen und Ergebnisse wurden nicht bekannt gegeben. Nur die Tatsache der Treffen und die Termine wurden später bekannt, und nur durch eine Anfrage der Linken im Bundestag. Als Merz CDU-Vorsitzender wurde, trat er von seiner Funktion bei BlackRock zurück – das war für das Image als Wahlkämpfer besser. Aber die Verbindung brach offensichtlich nicht ab: Im Januar 2025 lud Fink seinen Ex-Angestellten beim Weltwirtschaftsforum in Davos im Hotel zum privaten Dinner ein und hat ihn einer Gruppe von Investoren vorgestellt, außerhalb des offiziellen Programms
Wie bewerten Sie die zunehmende Konzentration wirtschaftlicher Macht in den Händen von Finanzgiganten wie BlackRock, Vanguard, State Street?
Sie sind erstens als gegenseitige Aktionäre miteinander verflochten, zweitens bilden sie zu fünft, zu sechst in unterschiedlicher Zusammensetzung meist die jeweils größte zusammenhängende Aktionärsgruppe in den wichtigsten Unternehmen und Banken, drittens sind sie Mitglied in zahlreichen internationalen und nationalen Lobby-Organisationen. BlackRock verfügt hier über das größte Instrumentarium. BlackRock holt sich in jedem wichtigen Staat führende Ex-Banker und Ex-Politiker in seine nationalen Tochtergesellschaften. BlackRock war mit Managern in den US-Regierungen von Obama/Biden und Biden/Harris vertreten. BlackRock-Chef Fink ist zugleich in den Leitungsgremien des Council on Foreign Affairs in den USA und des World Economic Forum in Davos. Mit der Etablierung etwa der privaten Rente, die inzwischen auch von einer EU-Richtlinie gefördert wird, übernimmt BlackRock zunehmend auch öffentlich-staatliche Aufgaben. Merz hat deshalb diese Privatrente in seinem Wahlprogramm, auch die zusätzliche steuerfreie „Aktivrente“ für Rentner und die „Frühstartrente“ für Kinder ab dem 6. Lebensjahr. Merz propagiert auch die Sanierung und den Aufbau neuer digitaler Infrastruktur durch private Investoren – im Jahr 2024 hat BlackRock das Unternehmen Global Infrastructure Partners (GIP) gekauft, die neue Energieleitungen etwa für Frackinggas, neue Kraftwerke, Datenzentren u.ä. errichtet und betreibt, nach dem Muster Public Private Partnership.
Welche Risiken birgt die BlackRock-Strategie für den deutschen Mittelstand und die soziale Marktwirtschaft?
BlackRock & Co. machen wealth management, Reichtums-Management. Sie haben nicht die Entwicklung der Volkswirtschaft als Ziel. Vielmehr nutzen sie selektiv die jeweiligen Standortvorteile der einzelnen Staaten und ihrer wichtigsten Branchen, je nach den größten Umsätzen und Gewinnen. Der Mittelstand kann als herabgestufter billiger Zulieferer überleben oder geht pleite. Deshalb wurde im Ursprungs- und Zentralstandort USA mit dem Aufstieg von BlackRock & Co. die Mehrheitsbevölkerung verarmt, vor allem die working class. Auch die weiße, und auch die middle class wird dezimiert und verarmt. Auch deshalb, nebenbei gesagt, konnte der Demagoge Donald Trump gegen die Partei der Demokraten erfolgreich sein: Sie vor allem hat mit Clinton, Obama und Biden/Harris die bisherige Verarmung der US-Mehrheitsbevölkerung zu verantworten. Eine ähnliche Entwicklung ist ja auch in der EU im Gange, insbesondere in Deutschland, wo neben den US-“Heuschrecken“ vor allem BlackRock & Co. am intensivsten vertreten sind. Während die führenden Konzerne in Deutschland mit ihren führenden US-Aktionären Arbeitsplätze abbauen, Teile in die USA oder nach China verlagern, steigen die Börsenwerte schneller als bisher: Der DAX hat jetzt seinen Höchstwert über die Marke von 20.000 gesteigert – und die Insolvenzrate des Mittelstands und der Kleinunternehmer ist so hoch wie nie.
In Ihrem Buch kritisieren Sie die Rolle von BlackRock als Krisengewinner. Können Sie erläutern, inwiefern das Unternehmen von Finanzkrisen oder geopolitischen Konflikten profitiert?
BlackRock ist ein führender Aktionär in der Rüstungs-, Energie- und speziell auch in der US-Fracking-Industrie. Unter Präsident Obama wurden die USA zum größten Hersteller und Exporteur von Frackinggas, Obama hat das LNG zur geopolitischen Waffe ausgebaut, vor allem gegen Russland. Übrigens, typisch dabei die liberal-nachhaltige Narrativ-Inszenierung: das Frackinggas war in den USA wegen seiner enormen Schäden für Umwelt und Gesundheit (Wasser, Luft, Krankheiten der Anwohner von Bohrstellen) diskreditiert – Obama hat es „umweltfreundlich“ umbenennen lassen in „natürliches“ Flüssiggas (liquefied natural gas). BlackRock war in der Obama-Regierung mit mehreren Managern vertreten. Die Wirtschaftskrise in der EU, insbesondere in Deutschland ist somit lukrativ für BlackRock & Co. Die Obama-Regierung, mit Managern von BlackRock, hatte auch die Aufrüstung gegen Russland, Iran und insbesondere China beschlossen (Pivot to Asia), verbunden mit der Vorgabe an die europäischen NATO-Mitglieder: Ihr müsst Eure Militärbudgets erhöhen! Das heißt konkret: Noch mehr Rüstungsgüter in den USA kaufen! Die US-Konzerne sind auch die größten Lieferanten für den Krieg der Ukraine. Mit diesem Krieg expandierte z.B. auch der Rüstungskonzern Rheinmetall in Deutschland: Der Börsenwert stieg von Kriegsbeginn 2020 bis Februar 2025 auf das Siebenfache – und BlackRock machte sich zum größten Aktionär dieses neuen Gewinnbringers, an zweiter Stelle ist Fidelity, dann folgen UBS, Capital Group, Wellington, Morgan Stanley und Bank of America – wobei BlackRock zusätzlich auch zu den führenden Aktionären von UBS, Morgan Stanley und Bank of America gehört. So ist es logisch, dass BlackRock schon nach einem halben Jahr Krieg der offizielle Koordinator für den „Wiederaufbau“ der Ukraine wurde. Mit einem Team in London und Kiew werden Lizenzvergaben für Seltene Erden, die Privatisierung staatlicher ukrainischer Energieunternehmen, die Digitalisierung des Militärs und des Staates, die Ansiedlung westlicher Investoren usw. vorbereitet: Die Ukraine soll „ein Leuchtfeuer für die Kraft des Kapitalismus“ werden, so BlackRock-Chef Laurence Fink. Je mehr vorher zerstört wird, desto gewinnbringender der „Wiederaufbau“.
Welche Maßnahmen wären notwendig, um den Einfluss von Finanzgiganten wie BlackRock zu regulieren und transparenter zu machen?
Was ja sogar im US-Kongress seit Jahren immer wieder mal gefordert wird: Sie müssen reguliert werden. Das kommt aber nicht durch. Diese extreme Monopolbildung, verbunden mit extrem hohen Gewinnen und hohen staatlichen Subventionen, aber gleichzeitig auch mit Verarmung der Volkswirtschaft und der Bevölkerungsmehrheit und auch verbunden mit staatlicher Überschuldung und weiterer politischer Rechtsentwicklung: Das erfordert tiefe Eingriffe, eigentlich. Dafür gibt es gegenwärtig aber keine politisch wirkmächtigen Akteure. Deshalb müssen wir uns zunächst auf Aufklärung, auf demokratische Basisinitiativen konzentrieren – und ganz wichtig: Kooperationen mit dem wachsenden, sich selbst organisierenden „Rest“ der Welt aufbauen, mit vergleichbaren Initiativen etwa in den BRICS-Staaten, aber auch in den USA selbst – dort gibt es ungleich mehr Initiativen und Bewegungen als unsere herrschende Meinungsmache zugibt. So gibt es in den USA wie in Europa wachsende Bewegungen zur Besteuerung der Superreichen. Auch Abgeordnete im Europaparlament, in nationalen Parlamenten machen mit. Für sie haben wir in dem Buch „BlackRock Germany“ die Briefkastenfirmen sichtbar gemacht, die BlackRock zugunsten seiner Kunden einsetzt. Also erstmal Deutschland: Denn Deutschland ist weltweit der sozial ungerechteste Staat. „Es gibt kein Land der Welt, das Arbeit stärker, aber Vermögen geringer besteuert als Deutschland“, so konstatiert sogar Marcel Fratzscher, Chef des unternehmerfreundlichen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, DIW. Das ist selbst in Deutschland den allerwenigsten Menschen bekannt, insbesondere nicht den besonders vom Unrecht Betroffenen. Wenn das also einmal ein öffentliches Thema wird, sind wir einen Schritt weiter. Und wenn wir also erstmal in Deutschland in dieser Frage weiterkommen, muss das zu einer internationalen Signalwirkung werden.